Warum Gewaltlosigkeit Mut erfordert

 

 

In diesem Beitrag erfährst du, warum nur mutige Menschen gewaltlos sein können, warum ein Angriff nichts mit dir zu tun hat und wie du schon heute damit beginnen kannst entspannt und friedvoll zu leben.

 

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Im letzten Blogbeitrag  haben wir uns mit der Frage beschäftigt: „Wo geht es zur Erleuchtung“ beziehungsweise "Was bedeutet Erleuchtung im Yoga". In diesem Zusammenhang habe ich dir einen Überblick über die 8 Stufen von Patanjali gegeben – falls du den Beitrag verpasst hast, kannst du hier nachlesen um eine Einordnung zu bekommen.

 

In diesem Beitrag beginne ich damit, dir die erste Stufe näher zu beschreiben: Yama, also unsere Beziehung zur Welt. Ganz

speziell: AHIMSA.

 

Ahimsa wird oft als Gewaltlosigkeit übersetzt. Und vielleicht denkst du dir jetzt – wunderbar, diese Stufe habe ich schon gemeistert.

Ganz sicher?

Was wenn ich dir sage, dass du, gemäß Ahimsa wahrscheinlich mindestens einmal am Tag Gewalt ausübst? "Na aber ganz sicher

nicht" meinst du? Ok. Dann nimm dir ein paar Augenblicke Zeit und denke kurz über folgende Fragen nach:

 

  • Wenn du den Begriff "Gewalt" hörst, welche Bilder hast du vor deinem geistigen Auge?
  • Wie sieht ein gewalttätiger Mensch für dich aus?
  • Wo beginnt für dich Gewalt?

 

Für gewöhnlich denken wir bei Gewalt zunächst an den physischen Aspekt – also schlagen, töten, morden…. und als friedliebende Menschen, die wir ja sind,  haben wir andere Möglichkeiten um Konflikte zu lösen. Aber im Yoga umfasst Gewalt nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gewalt.

 

Ahimsa wird so verstanden, dass wir aufhören, irgendeinem Lebewesen Schmerz oder Leid zuzufügen, in Gedanken, Worten und Taten. Dies ist auch ein Grund, warum die meisten Yogis Vegetarier sind.

Wenn wir Gewaltlosigkeit in diesem Sinne betrachten, üben wir schon Gewalt aus, wenn wir ein böses Wort an jemanden richten. Wenn wir Klatsch & Tratsch verbreiten. Wenn wir jemand anderen herablassend behandeln, ihm oder ihr etwas Schlechtes wünschen, sie ablehnen, bewerten oder negative Gedanken gegen diese Person haben.

 

Immer noch überzeugt dass du nie Gewalt ausübst?

 

Keine Sorge – du bist nicht alleine. Ich glaube, dass keiner von uns es schafft, die eigenen Gedanken immer friedfertig zu halten.

Das Ziel im Yoga und von Ahimsa ist sanftmütiges und bewusstes Handeln. Zu wissen, dass bestimmte Aussagen, oder eine bestimmte Art zu Handeln den anderen verletzen. Zu versuchen, die eigenen Emotionen und den eigenen Frust nicht an anderen auszulassen. Und ganz ehrlich, machen wir das nicht alle manchmal?

 

Wenn du zur Kollegin sagst, „du schaust heute aber schlecht aus“, kann das durchaus gut gemeint sein, wird aber nicht unbedingt dazu führen, dass sie sich besser fühlt. Und denke einmal daran was die schlichte Frage „hast du zugenommen?“ bewirken kann. Ein kritischer

Blick des Chefs wenn du eine Präsentation hältst, kann dein Selbstvertrauen beeinflussen und dazu führen, dass du dich schlecht fühlst.

 

Es ist so leicht andere Menschen mit Worten zu verletzten. Oft ganz subtil, wenn wir die Schmerzpunkte kennen oft sehr offensiv, wie man  bei manchen Kommentaren im Internet sehen kann. Alleine der Begriff „hater“ im Internet zeigt, wie selbstverständlich psychische Gewalt mittlerweile für uns ist. Und ehrlich, ich bin oft froh aus einer Generation zu stammen in der meine Teenager Zeit nicht online dokumentiert und kommentiert wurde.

 

Sanftmütig oder gewaltfrei handeln bedeutet auch, nicht auf Angriffe zu reagieren. Vielleicht war es ja gar nicht als Angriff gemeint. Missverständnisse führen oft zu Streit, Gewalt und Tränen. Vielleicht war es tatsächlich als Angriff gemeint – aber hat es wirklich etwas mit dir zu tun? Sei einmal ganz ehrlich zu dir selbst. Denke an eine Person die du ablehnst und frage dich "warum". Ist sie vielleicht besonders laut und präsent? Ist es eine Frau, die ihre Weiblichkeit auslebt und genießt? Ist es eine Person, die ständig unpünktlich und unzuverlässig ist, aber so charmant dass es ihr jeder verzeiht?

 

Nun, dann gibt es zwei Möglichkeiten: diese Person lebt eine Seite aus, die du selbst gerne leben würdest aber dich nicht traust. Zum Beispiel, einmal laut die eigene Meinung zu vertreten. Oder sie lebt etwas aus, dass du an dir selbst nicht magst. Zum Beispiel Unzuverlässigkeit. Somit sagt die Ablehnung die du einer anderen Person entgegenbringst nur etwas über dich aus und hat mit

dieser Person gar nichts zu tun. Ist das nicht sehr erleichternd? Wann immer jemand dich kritisiert, negative Kommentare zu dir oder deinem Aussehen abgibt, hat das absolut nichts mit dir zu tun – du bist nur eine Projektionsfläche die gerade da ist. Versuche den nächsten Angriff einmal so zu sehen – es lebt sich viel entspannter und du wirst weder das Gefühl verspüren dich rechtfertigen zu müssen oder zurückschlagen zu wollen.

 

Aber eins möchte ich dabei unterscheiden: Kritik und Angriff sind zwei verschiedene Dinge. Wenn du zu deiner Arbeit oder einem Projekt wohlmeinende Kritik bekommen hast, die dir vielleicht nicht gefällt aber durchaus berechtigt sein kann – denke zumindest darüber nach. Vielleicht steckt ja eine Möglichkeit darin dich weiter zu entwickeln. Wohlmeinend bedeutet in diesem Sinne: darauf abzielend dass du dich verbessern kannst – nicht darauf abzielend, dich klein zu machen. Wie du den Unterschied erkennst? Durch Übung – und im Zweifelsfall immer davon ausgehen dass es gut gemeint war… 😉.

 

Bleiben wir noch kurz beim Thema: "Angriff hat nichts mit mir zu tun". Wir haben ständig Erwartungen – an Menschen, an Situationen, an das Leben generell. Für mich zum Beispiel ist Pünktlichkeit sehr wichtig – da es für mich etwas mit Respekt zu tun hat. Wenn ich nur 2- 3 Minuten zu spät komme, rufe ich schon an oder schreibe eine SMS – und erwarte das auch von anderen. Nur haben natürlich nicht alle Menschen diese Wertigkeit hinsichtlich Zeit. Wenn es nun jemand nicht schlimm findet 10 Minuten auf jemand anderen zu warten, wird es für ihn oder sie auch kein Thema sein auf die Minute pünktlich zu kommen. In diesem Fall bilden Erwartungshaltungen ein

großes Konfliktpotential. Wie man am Besten damit umgeht? Zunächst einmal erkennen, dass ich gerade einer unerfüllten Erwartung gegenüber stehe, dann ansprechen und einen Mittelweg finden statt sich zu ärgern oder es heimzuzahlen und auch zu spät zu kommen. Hast du dazu vielleicht auch ein Beispiel aus deinem Leben?

 

Apropos „Heimzahlen“. Nach den Vorstellungen von Ahimsa üben wir auch keine Rache aus. „Aber das geht doch nicht – ich kann mir ja nicht alles gefallen lassen – dann bin ich ja schwach!“. Wirklich? Zeigst du Stärke, wenn du es mit gleicher Münze zurückzahlst? Muss der andere dann wieder zurückschlagen? Und wo hört die Spirale auf?

 

Ahimsa zu praktizieren bedeutet, dass man Beleidigungen von anderen, Vorwürfe oder Kritik hinnimmt ohne darauf zu reagieren bzw. Vergeltung üben zu wollen. Dies wird in unserer Gesellschaft häufig als Schwäche angesehen.

Aber Ahimsa ist eigentlich der Gipfel des Mutes. Ahimsa ist ohne Furchtlosigkeit nicht möglich. Gewaltlosigkeit kann nicht von schwachen Menschen geübt werden oder würdest du Mahatma Gandhi als schwach bezeichnen?

Ich habe einmal in einem Buch gelesen: „Ahimsa kann nicht von einem Menschen praktiziert werden, der furchtbare Angst vor dem Tod hat, keine Geduld und keine Widerstandskraft besitzt. Es ist ein Schild, nicht des Verweichlichten sondern des Mächtigen."

 

Welches Verhalten triggert bei dir Wut & Ärger? Den Wunsch nach „Heimzahlen“. Wenn du dich das nächste Mal in einer solchen Situation findest – halte kurz inne und frage dich, warum dich das gerade so ärgert. Bist du gerade wütend, ärgerlich oder einfach nur verletzt? Und würde es wirklich etwas ändern wenn du zurückschlägst?

 

Wir können davon ausgehen, dass der Grund für aggressives Verhalten geringes Selbstwertgefühl ist oder mangelnde Selbstliebe. Denn wenn du dich gut fühlst, dann hast du es nicht nötig andere klein zu machen um dich groß zu fühlen.

 

Der Dalai Lama übersetzt „geringes Selbstwertgefühl“ mit „Mangel an Mitgefühl für sich selbst“ oder „gegen sich selbst gerichtete Missachtung“. Deshalb ist es sehr wichtig, Ahimsa bei sich selbst zu beginnen.

 

Gewaltlosigkeit beginnt also ganz nah - bei dir. Wie sprichst du mit dir selbst, wenn dir ein Missgeschick passiert? Sagst du dir: „ich bin immer so ungeschickt“, "ich bin ein Trampel" oder "ich bin so blöd." "Immer passiert mir das…."

Oder sagst du einfach „hoppala“ oder „ja mei“. So wie wir oft mit uns selbst sprechen, würden wir nie mit einem kleinen Kind sprechen (hoffe ich zumindest) und wir würden definitiv nicht zulassen dass eine andere Person so mit uns spricht.

Lobst du dich oft selbst? Sagst du dir dass du gut bist? Und ganz verwegen: dass du dich liebst? Nein? Da kommst du dir komisch vor? Warum?

Ich oute mich jetzt: ich mache das regelmäßig. Wenn ein Projekt oder ein Vortrag gut gelaufen ist sag ich mir schon Mal –„das habe ich heute echt gut gemacht“ und ja, ich sage mir auch oft im Spiegel, dass ich mich liebe – ganz ehrlich ohne dass es aufgesetzt ist.

Denn wenn ich mir das selbst nicht sagen kann und es auch so nicht empfinden kann – wie kann es dann jemand anders?

Und vor allem: was, wenn gerade niemand da ist, der mir das sagt?

 

Nicht dass du jetzt rausgehen und allen sagen sollst dass du sie liebst, das könnte doch befremdlich wirken – aber beginne doch Mal bei dir. Ganz alleine im Badezimmer vor dem Spiegel – sieht ja auch keiner. Und dann trage es nach außen und schau einmal was passiert. Wir könnten ja einmal damit beginnen dem andern zu sagen „Schön dass es dich gibt“. "Schön dass du in meinem Leben bist“. Und falls das dir selbst „ich liebe dich“ sagen noch zu schwierig ist – dann betrachte in den nächsten Tagen deinen inneren Dialog und ersetze Kritik durch Lob. Das ist schon ein ganz toller Anfang. Dir wird dann auch auffallen, wie andere mit sich selbst sprechen – denn das tun sie oft laut. Und es ist oft sehr erschreckend. 

 

Ob ich schon immer liebevoll zu mir selbst war? Nein – ganz im Gegenteil – ich erinnere mich, dass ich mir im Teenageralter oft innerlich „Ich hasse mich“ gedacht habe. Später war es dann eher Kritik – von wegen "du hast das schon wieder falsch gemacht". Es war ein langer Prozess zu erkennen, dass negative Selbstgespräche unheimlich viel Energie kosten.

 

Also:  Beginne Ahimsa heute – bei dir und deinen Gedanken. Verwandle negative Denkmuster in positive und gehe liebevoll mit dir um. Und dann trage dies nach außen.

 

Wenn du nichts Gutes über einen anderen Menschen zu sagen hast – sage gar nichts.

Wenn dich jemand beleidigt, reagiere nicht. Denn: nur starke Menschen können gewaltlos sein.

 

Ich habe ja angekündigt, dass es zu jedem Schritt auch Aufgaben zur Selbstreflexion gibt. Hier also jene zu Ahimsa:

 

Beobachte täglich die Welt um dich herum:
  • wie gehen Menschen miteinander um?
  • Wie gehst du mit den Menschen und der Welt um?
  • Wann gelingt es dir Ahimsa aktiv zu praktizieren (in Worten & Taten)?

·

Beantworte dir folgende Fragen:

  • Wie ist mein innerer Dialog? Lobe ich mich oder mache ich mich selbst klein?
  • Wie spreche ich über andere Menschen? Welche Vorurteile habe ich?
  • Wie reagiere ich wenn man mich beschimpft oder angreift?

 

 Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir erzählst wie es dir mit diesem Thema geht - deine Beobachtungen, Ideen, Erkenntnisse.

 

Alles Liebe & Namasté

Angelika

Karma-Queen in spe