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Warum Wachstumsschmerzen für unser Leben wichtig sind

 

 

Im heutigen Beitrag sprechen wir über unsere Tendenz schwierigen Themen auszuweichen, was das mit der Evolution der Angst zu tun hat und warum wir uns über Wachstumsschmerzen freuen können.

 

Wie immer zum Lesen & Hören!

Vor kurzem erzählte mir eine Freundin, dass sie immer wieder leichte Schmerzen in den Beinen hat, fast so als würde sie wachsen. Sie habe auch das Gefühl, dass sie ein bisschen größer ist – ob das möglich sei? Hmmm, in Anbetracht der Tatsache, dass sie bereits 28 Jahre alt ist, bin ich da ein wenig skeptisch, aber wollte ihr die Hoffnung nicht nehmen.

 

Aber die Idee von „Wachstumsschmerzen“ hat mich nicht mehr losgelassen. Denn genau das hatte ich in letzter Zeit auch. Nicht in den Beinen (ich fürchte ich werde über meine 1,60 in diesem Leben nicht hinauswachsen) aber in der Psyche, in meiner Seele und auch in meinem Körper.

 

Vor Schwierigkeiten davonlaufen

In den letzten Wochen haben sich mir einige Situationen immer wieder präsentiert, vor denen ich so gerne die Augen verschließe und ja, vor denen ich oft davonlaufe. Unter anderem meine wunderbare Fähigkeit, Dinge so lange aufzuschieben, bis ich nicht mehr darum herumkomme.

 

Ein Beispiel: Über einen Monat lang bin ich in der Früh aufgewacht und habe auf dem linken Ohr nichts gehört. Offensichtlich hat sich durch das „Auf-der-linken-Seite-Schlafen“ mein Gehörgang verlegt. Es hat sich über den Tag wieder gegeben und da es auch nicht weh getan hat, habe ich es einfach ignoriert. Bis ich das Gefühl hatte, auch untertags nicht mehr so gut zu hören. Habe ich auch noch ignoriert, da ich ja noch das rechte Ohr hatte. Ich habe mir natürlich ein bisschen Sorgen gemacht, und auch schon begonnen Ohrenärzte zu recherchieren, aber es war irgendwie zu mühsam mich zu entscheiden. Bis es eines Tages kam wie es kommen musste – ich hörte links gar nichts mehr. Gleichzeitig war mir schwindlig. Mein überaus fantasievolles Gehirn hat mir natürlich gleich die schönsten Geschichten erzählt, dass das ganz schlimm ist, dass es nie wieder weggeht, dass ich jetzt taub werde und dass ich sowieso an allem Schuld bin. Nun hatte ich den Druck zum Arzt zu gehen. Ich habe mir innerhalb von 10 Minuten einen ausgesucht, angerufen und auch zwei Stunden später einen Termin bekommen.

 

Und weißt du was: Es war überhaupt nichts Schlimmes. Aus irgendeinem Grund hat mein Ohr so viel Ohrenschmalz produziert, dass es meinen Gehörgang verstopft hat (was übrigens sicher nicht bedeutet, dass ich ein Schweinderl mit schmutzigen Ohren bin – das passiert einfach und man kann auch gar nichts dagegen machen, laut Aussage des Ohrenarztes). Meine Ohren wurden also ausgespült und ausgesaugt (zur Sicherheit auch gleich das rechte, damit ich nicht in einem Monat das gleiche Thema wieder habe). Ich bin nach 15 Minuten befreit aus der Praxis gegangen und habe wieder gehört wie ein Luchs.

Warum wir uns selbst das Leben schwer machen

Neben der Freude über das neue Hörgefühl, dachte ich mir: „Und darauf habe ich jetzt über einen Monat gewartet? Wegen einer solchen

Kleinigkeit habe ich mir so lange Sorgen gemacht und mich auch noch selbst im Hören eingeschränkt? Warum?“ Die Antwort: aus Angst, dass es etwas Schlimmeres sein könnte und ich mich damit nicht auseinandersetzen wollte.

 

Und da habe ich mit Schrecken erkannt, dass das eine starke Tendenz in meinem Verhalten ist. Wie ein kleines Kind glaube ich, wenn ich die Augen zumache, dann sieht mich der andere nicht. Also übertragen: Solange ich keine Diagnose habe und es nicht laut ausgesprochen wird, ist es nicht real. Ich fürchte damit bin ich nicht alleine. Viele Menschen in meinem Umfeld gehen nicht zum Arzt – „Das geht schon wieder von selbst weg.“ Oder nehmen lieber Medikamente um die Schmerzen zu unterdrücken, anstatt sich mit den Symptomen auseinander zu setzen. Warum? Weil wir Angst vor Veränderung haben. Weil wir Angst davor haben etwas zu verlieren. Aber die Wahrheit ist – wenn wir es verlieren, dann ist dieser Verlust ohnehin schon eingeleitet und kann kaum mehr gestoppt werden. Im Gegenteil: je früher wir uns mit Situationen auseinandersetzen, desto eher können wir den Verlauf beeinträchtigen. Aber wir sind Menschen. Und Menschen vermeiden gerne Gefahren und Veränderungen. 

Die Angst - freund und Feind zugleich

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin beschäftigen wir uns sehr viel mit dem Thema Angst. In dem Buch „Grundformen der Angst“ beschreibt der Autor Fritz Riemann sehr anschaulich den Zusammenhang zwischen Angst und Wachstum. Seiner Ansicht nach kann uns Angst aktivieren oder lähmen. Angst ist immer eine Warnung vor Gefahr aber gleichzeitig ist es eine

Möglichkeit zur eigenen Entwicklung, in dem wir uns der Angst stellen uns sie überwinden. Jedes Mal, wenn wir vor unseren Ängsten nicht davonlaufen, sondern ihnen stark und mutig gegenübertreten machen wir einen Entwicklungsschritt. Laufen wir jedoch vor ihr davon, stagniert unser Leben oder wir machen sogar einen Rückschritt – wir verhalten uns wie ein Kind.

 

Dieser Gedanke beschäftigte mich sehr, denn ich kann es anhand meines eigenen Verhaltens in vielen Situationen absolut nachvollziehen. Dabei muss es nicht unbedingt um Krankheitsthemen gehen. Es betrifft die Angst vor einer Auseinandersetzung – weichen wir aus, verhalten wir uns wie ein Kind, das Angst hat bestraft oder nicht mehr geliebt zu werden. Es kann auch die Angst vor einem beruflichen Wechsel betreffen, die Angst in einen neuen Wohnort zu ziehen oder einfach nur die Angst vor einem neuen Haarschnitt… Wir alle haben Ängste und Unsicherheiten und manchmal lassen wir sie in unserem Kopf so groß werden, indem wir uns Horrorszenarien ausmalen, die in der Realität nie eintreffen werden. Dadurch lähmen wir uns, verstecken uns in unserer Komfortzone – die gar keine mehr ist, da sie durch unsere Sorgen geprägt ist. Je länger wir ausweichen und davon laufen, desto größer wird die Hürde und plötzlich wird aus dem ursprünglichen Stein in unserem Weg ein Berg, der so hoch ist wie der Himalaya.

Wir brauchen Ängste für unsere Entwicklung

Wir brauchen Ängste und Entwicklungsschritte. Ohne sie hätten wir nie gelernt zu laufen, wären nie zur Schule gegangen, hätten uns

nicht auf die Liebe eingelassen und eine Familie gegründet. Manche von uns sind von Natur aus mutig und/oder wurden von unserem Umfeld dabei unterstützt neues zu lernen. Andere sind als Angsthasen geboren. Ich gehöre dazu. Wenn man meinen Lebensweg betrachtet würde man das kaum glauben, aber ich war als Kind so ängstlich, dass ich sogar bei Kindergeburtstagsfeiern bei meiner Mutter blieb, weil ich mich vor den anderen Kindern fürchtete. Als Teenager wurde ich mutig – ich weiß bis heute nicht, was der Auslöser dafür war, aber plötzlich hielt ich mich für unsterblich und unverletzbar. Irgendwann in meinen 30ern hat sich das dann wieder gedreht und ich wurde vorsichtiger. Vermutlich versuchen wir, wenn wir älter werden mehr zu kontrollieren. Wir kennen alle Gefahren, die das Leben so für uns bereit hält und glauben, dass wir einen Einfluss auf die Welt haben.

 

Ängste haben wir auch im Erwachsenenalter, nur heften wir sie dann an Dinge oder Situationen, da diese dann leichter sichtbar und (vermeintlich) kontrollierbar sind. Das kann die Angst vor Spinnen oder Höhe sein, oder die Angst vor Beziehungen. Meist ist der Kern die Angst vor Verlust und Veränderung.

Die Kunst die Angst anzunehmen

Die Kunst ist es, Ängste zu erkennen und anzunehmen. Schritte zu unternehmen um sie zu überwinden und sich weiter zu entwickeln. Zu

hinterfragen: Wovor fürchte ich mich wirklich? Meistens ist der Kern der Angst, nicht gut genug zu sein und somit nicht geliebt zu werden. In uns ist die Angst vor dem Alleinsein tief verankert, denn gemäß der Evolutionsgeschichte haben Einzelgänger nur schwer überlebt. Die Gruppe gibt Schutz und Sicherheit – kann uns aber genauso schnell verstoßen, wenn wir nicht dazu passen.

 

Aufgrund meiner Ohrengeschichte habe ich begonnen mein Verhalten näher zu betrachten. Vor allem all jene Situationen, bei denen ich

Dinge aufschiebe, wo ich mich um eine Entscheidung drücke. Und das waren eine ganze Menge. Keine einzelne lebensbedrohlich, aber in Summe belastend. Ich habe mir angeschaut, wo ich mich aufgrund meiner Angst etwas zu verlieren einschränke und was ich denn vielleicht gewinnen könnte. Denn eines ist sicher: im Leben ist es immer ein auf und ab. Wir gewinnen und wir verlieren. Wir leiden und wir heilen. So wie Tag und Nacht, Helligkeit und Dunkelheit, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod sich abwechseln. Wir leiden dann, wenn wir uns dagegen wehren. Wir leiden, wenn wir nur den Verlust und nicht den Gewinn sehen. Der Verlust eines Partners kann ein Gewinn von Freiheit sein. Es kann auch der Gewinn eines neuen, besser passenden Partners ein. Der Verlust eines Arbeitsplatzes kann die Chance dazu sein, ein neues Betätigungsfeld zu finden, das uns mehr Freude macht.

 

Ram Dass, ein Psychologie Professor und spiritueller Lehrer der über viele Jahre zu Menschen auf der ganzen Welt gesprochen hat, viel

gereist ist und viel erlebt hatte erlitt 1997 einen schweren Schlaganfall, der ihn zum Pflegefall machte und ihm vorübergehend auch die Fähigkeit zum Sprechen nahm. In seiner berührenden Dokumentation „Going Home“, die er kurz vor seinem Tod drehte, sagte er, dass dieser Schlaganfall im Nachhinein betrachtet ein Geschenk war, denn es zwang ihn seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten.

 

Das hat mich unglaublich berührt und nachdenklich gemacht. Denn, sind wir ehrlich, das meiste vor dem wir Angst haben es zu verlieren,

sind Äußerlichkeiten. Unsere Jugend, unseren straffen Körper, unser Vermögen, unsere Leistungsfähigkeit, unseren Partner, unseren Job…. Was wenn wir nichts mehr davon haben – was sind wir dann noch wert?

Wir alle Haben unsere Themen und Unsicherheiten

In den letzten Tagen habe ich viele sehr offene Gespräche mit wunderbaren Freundinnen geführt. Interessante und wunderschöne Frauen, die alle Unsicherheiten wegen ihres Aussehens haben. Und bei jeder einzelnen dachte ich mir: „Wirklich? Du? Aber du bist doch so wunderschön! Das ist mir nie aufgefallen!“. Und als ich ihnen von meinen Themen erzählte, meinten sie: „Das hätte ich nie gesehen!“. Warum machen wir uns Sorgen um Dinge, die andere Menschen gar nicht sehen? Die ihnen komplett egal sind? Denn, in Wirklichkeit,

sind wir alle viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt um uns über andere Menschen groß Gedanken zu machen.

 

Das hat mich sehr zum Umdenken gebracht und da kommen jetzt meine Wachstumsschmerzen ins Spiel. Indem ich meine Ängste, mein

Vermeidungsverhalten, meine Scham und meine Gedankenmuster einmal ganz ehrlich angeschaut habe, habe ich gemerkt, dass es Zeit ist zu wachsen. Dass es Zeit ist, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen und auf sie zuzugehen. Sie nicht wegzuschieben oder sie zu unterdrücken, nicht darauf zu warten, dass jemand anderer sie für mich löst und mich rettet. Ich habe erkannt, dass ich das ganz

alleine kann. Dass ich in mir alles habe, was ich brauche um mit diesen Situationen zu stellen. Ich will ehrlich sein: es hat weh getan. Es hat weh getan zu sehen wie sehr ich mir selbst im Weg gestanden bin. Es hat weh getan zu erkennen, wie abhängig ich mich von manchen Überzeugungen gemacht habe. 

 

Ich habe ein paar Verluste erlitten, aber das ist ok, denn ich habe auch sehr viel gewonnen. Ich bin gewachsen. Nein nicht körperlich, da

bin ich immer noch 1,60… Aber in meinem tiefsten Inneren bin ich mindestens 2 Meter groß. Das Ende des Wachstums ist noch lange nicht erreicht, aber jetzt brauche ich eine Pause. Denn wachsen ist anstrengend und muss auch erst einmal verdaut werden. Deshalb genieße ich jetzt die Stille die auf große Umbrüche folgt.

 

Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben ist gerade wie der Morgen nach einem schlimmen Unwetter. Es liegt noch ziemlich viel auf dem Weg herum, abgebrochene Äste, Blätter, der Müll, der sich aus der umgefallenen Mülltonne verteilt hat. Aber die Luft ist rein und klar. Es ist windstill. Die Sonne scheint auf meinem Weg und ich weiß, dass ich die Reste des Sturms beseitigen kann. In meinem Tempo. Schritt für Schritt. Bis der nächste Sturm aufzieht und ich weiß, dass ich ihm gewachsen bin.

 

Wie sieht es bei dir aus?

Welchen Dingen weichst du aus oder schiebst sie weg? Warum?

Was hast du zu verlieren und was könntest du gewinnen?

Welche Wachstumsschmerzen sind es wert sie zu durchleiden und wie groß wärst du danach?

 

Ich freue mich von dir zu hören!

Alles Liebe & namasté

Angelika

 

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