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Durch Krisen wachsen

 

Im heutigen Beitrag sprechen wir über die gefürchtete Midlife Crisis. Warum diese Zeit die Pubertät des Alterns ist, wie sie unsere Welt viel größer macht und uns neue Möglichkeiten schenkt.

 

Wie immer zum Lesen und Hören.


Vor kurzem war ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin bei einer Einzelselbsterfahrungsstunde. Ein schönes Wort für Therapie. Traf sich gut, hatte ich doch seit einiger Zeit besorgniserregende Zustände.

Ich glaube, ich habe eine Midlife Crisis“ schloss ich die Aufzählung aller Symptome, die mich gerade so plagten.

Nein“, meinte die Therapeutin, „Sie haben etwas viel Schlimmeres. Sie haben Midlife Corona“. Na bumm.

 

Keine Sorge – ist nicht ansteckend, falls du gerade überlegst ob wir uns in letzter Zeit einmal nahe gekommen sind… kann aber jeden treffen. Was Midlife Corona ist? Nichts anderes, als eine durch die gegenwärtige Situation ausgelöste oder verstärkte Lebenskrise. 

Lebenskrise - jetzt geht´s bergab...

Wobei aus meiner Sicht der Auslöser gar nicht Corona war. Vielmehr war es die Tatsache, dass ich nun mit jugendlichen 44 plötzlich altersweitsichtig bin. „Ja mei“ sagst du vielleicht, „ist ja nicht schlimm, kaufst dir halt eine Lesebrille“. Genauso habe ich auch gedacht – bevor ich besagte Lesebrille brauchte. Denn plötzlich traf es mich wie ein Keulenschlag: JETZT GEHT´S BERGAB. Da ich wie die meisten in meiner Familie schon mit 30 die ersten grauen Haare hatte, habe ich dies nicht mit dem Altern in Verbindung gebracht. Auch die ersten Lachfältchen habe ich eher dem früher großzügigen Umgang mit Sonnenschutz zugeschrieben (heute verlasse ich übrigens ohne LSF 50 nicht das Haus…). Aber die Lesebrille, die war´s dann.

 

 

Wenn die Gedanken amok laufen

Denn, wenn ich die Gene meiner Oma habe, die nächsten Monat 90 wird, bin ich gerade Mal bei der Hälfte meines Lebens – und es geht schon bergab? Was kommt als nächstes? Schlecht hören? Knieschmerzen?  Wann brauche ich einen Rollator? Jaaaaa, ich weiß, das ist jetzt ein klitzekleines bisschen übertrieben – aber kennst du das nicht auch, dass die Gedanken manchmal Amok laufen? Ich habe dann das Gefühl, ein unglaublicher Pessimist übernimmt die Kontrolle in meinem Gehirn und malt mir die furchtbarsten Dinge aus.

 

Ganz laut hat er geschrien: „Und wer kümmert sich dann um dich, wenn du alt bist? Hättest doch Kinder kriegen sollen. Wirst schon sehen, du landest noch im Alter auf der Straße!“ HIIILLLLFEEEE!

 

Ok. Einatmen, Ausatmen, Loslassen. Stimmt ja alles nicht. Aber manchmal wird man wohl davon getragen vom Strudel der Ängste.

Einatmen. Ausatmen. Loslassen. 

 

 

WAs tun in der Midlife Crisis?

Wenn sich die Gedanken wieder beruhigt haben, sieht alles ja nicht mehr so schlimm aus. Aber was mache ich jetzt mit meiner Midlife Crisis?

Laut gängiger Klischees hätte ich folgende Optionen:

Wäre ich ein Mann, würde ich mir ein enges, knallblaues Fahrradtrikot und ein sündteures Rennrad kaufen. Dann würde ich mein Wohlstandsbäuchlein in das neue Outfit zwängen und Sonntag  früh mit den Jungs die Donau entlang düsen. Vielleicht würde ich sogar noch für einen Marathon trainieren und mir zu beweisen, dass ich es noch draufhabe. Und ich würde mich bei Tinder anmelden, ein 20 Jahres altes Foto hochladen und alle Frauen, die über 30 sind nach links wischen.

 

Aber was macht Frau in der Midlife Crisis? Brauche ich jetzt einen engen Leopardenpulli und kurzen Ledermini um mir in der Salsa Bar einen Latin Lover anzulachen? Ist das gerade überhaupt möglich? Lade ich auf TikTok lustige Tanzvideos hoch? Oder gehe ich einfach zum Friseur und lasse mich komplett umstylen um mein wildes Ich auszuleben? Hmmmm, ok – Friseur klingt gar nicht so schlecht. Behalt ich Mal im Hinterkopf.

 

 

Midlife Crisis - the Yogi way

Da irgendwie keine dieser Optionen erstrebenswert ist, habe ich den Yogi Weg gewählt: Loslassen & Gelassenheit.

Ich habe mich also zuerst einmal zu Hause eingeigelt und so richtig selbst bemitleidet (ja, das ist am Yogi Weg durchaus erlaubt). Das ihat bald seinen Reiz verloren, also habe ich mir überlegt, was es denn wirklich ist, dass ich jetzt nicht mehr machen kann und eine Liste erstellt.

 

Da kamen unter anderen Punkte zusammen wie:

  • Hotpants und bauchfreie T-Shirts tragen (was übrigens auch mit 20 nicht mein bester Look war)
  • Die Nächte durchfeiern und trinken als ob es kein Morgen gäbe und am nächsten Tag relativ frisch zur Arbeit gehen (das habe ich das letzte Mal mit Mitte 30 versucht und musste mich dann 2 Tage krank schreiben lassen)
  • Matriarchin einer Großfamilie mit mindestens 6 Kindern sein (wenn ich jedoch an 6 Schwangerschaften denke, erscheint es mir rückblickend eine gute Entscheidung gewesen zu sein, dies nicht zu tun).
  • Und einiges mehr

Als ich die Liste betrachtete, erkannte ich, dass ich in Wahrheit nichts davon noch tun möchte. Ok, den Körper zu haben der Hotpants und bauchfrei tragen kann, wäre schon schön.

 

Warum fühlt sich das Älterwerden also so sehr nach Verlust an?

 

die Pubertät des Alters

Vor kurzem habe ich gelesen, dass der Wechsel die Pubertät des Alterns ist (das erklärt einige Verhaltensweisen meines Umfeldes…). Das mag stimmen. Aber eines war in der Pubertät als Teenager anders: Die Welt erschien damals unendlich groß und voller Möglichkeiten. Ich erinnere mich, ich hatte damals das Gefühl unverwundbar und unsterblich zu sein. In der Pubertät des Alters scheint die Welt zu schrumpfen. Plötzlich hört man von Ärzten immer öfter die Worte „altersentsprechende Abnützung“. Aber schrumpft die Welt wirklich?

Je mehr ich über meine Verluste nachgedacht habe, desto mehr habe ich daran gedacht, was ich mir eigentlich selbst gestohlen oder nicht erlaubt habe, weil ich es zu der Zeit nicht besser wusste. Ich habe oft zu früh aufgegeben, weil es nicht gleich geklappt hat und ich dachte, nicht gut genug zu sein. Ich habe viel Liebe verpasst, aus Stolz – oder Angst verletzt zu werden. Ich bin falschen Idealen nachgelaufen, weil ich dachte, bestimmt Dinge haben oder erreichen zu müssen. Das alles brauche ich heute nicht mehr.

 

Die Welt wird immer grösser

 Und plötzlich habe ich erkannt, dass meine Welt immer größer wird. Die Möglichkeiten werden immer mehr, wenn wir uns einfach trauen. Wenn wir nichts mehr beweisen müssen. Wenn wir erkennen, dass Liebe kommt und geht und Liebeskummer irgendwann aufhört. Ich habe erkannt, wieviel ich schon geschafft habe und wie stark ich für zukünftige Herausforderungen bin.

 

Ich habe mir dann ein bisschen Zeit genommen, die Augen geschlossen und in mich hineingehört. Ich habe mich gefragt, was ich in meinem tiefsten Innersten noch in diesem Leben sein will. Was meine Herzenswünsche sind, wenn alles möglich ist, ich niemandem etwas beweisen muss und darauf vertraue, dass alles gut ist. Was will ich dann?

 

Es kam eine Flut an Bildern. Ich sah mich mit einem Rucksack eine Küste entlangwandern, mit kahlgeschorenem Kopf in einem buddhistischen Kloster in Asien die Mönche in Englisch unterrichten, in einer Villa in Süditalien an einem Roman schreiben und vieles mehr. Es waren so viele Bilder voll Lebensfreude und Abenteuer.

 

Und ich sah mich im Alter vor meinem Häuschen im Grünen auf der Bank sitzen und auf den Sonnenuntergang warten. Glücklich sah ich meinen Seelenverwandten, meine große Liebe, neben mir sitzen, den Arm um meine Schultern gelegt. Er drückt mich ganz fest und flüstert mir ins Ohr: „Haben wir nicht ein wundervolles Leben? Ich bin so dankbar, dass wir uns gefunden haben“. Bei diesem Bild war alles klar. Es liegt noch ein wundervolles Leben vor mir, voll Glück, Liebe und Abenteuern.

 

Ich bin bereit.

 

Wie sieht es bei dir aus? Was siehst du, wenn du in dein Innerstes schaust und fragst was du wirklich willst?

 

Ich freue mich auf deine Kommentar!

 

Alles Liebe & Namasté

Angelika 

Karma Queen in spe

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