Mißverständnisse & falsche Versprechungen

 

Im heutigen Blogartikel geht es um die zahlreichen Vorstellungen die Menschen über Yoga haben und auch um die falschen Versprechungen, die manche Yogaanbieter machen.

 

Vielleicht ist ja auch ein Vorurteil von dir dabei?

 

Falls du dir diesen Beitrag lieber anhören möchtest: in meinem Podcast "Von Drama zu Karma" findest du die Audio Version

    

Ganz zu Beginn meiner Yogakarriere ist mir eines besonders aufgefallen: immer wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich Yogalehrerin bin, kam sofort die Aussage: "Oh ich bin so unbeweglich!"  Aha – danke für die Information. Wenn ich gesagt hätte "ich bin Buchhalter", wäre dann die Reaktion gewesen "Ich kann nicht gut rechnen?" Wenn ich gesagt hätte, "ich bin Musikerin": "Ohh ich bin so unmusikalisch" …? Wahrscheinlich nicht. Woher kommt diese automatische Gleichung  Yoga = Beweglich = ich nicht ?

 

Damit wäre ich auch schon beim ersten Vorurteil:

 

1. Für Yoga muss man beweglich sein

Heute, nach einigen Jahren Erfahrung, antworte ich auf die Aussage „ich bin zu unbeweglich“ mit einem strahlenden: „perfekt – Yoga ist

nämlich für die Unbeweglichen und nicht die Akrobaten!“ Dann gibt es Mal ungläubige Blicke… Aber betrachten wir es einmal logisch:

 

  • Trainierst du dir erst Muskeln an bevor zu ins Fitness Center gehst weil du so unmuskulös bist?
  • Lernst du erst die Tonleitern bevor du Musikunterricht nimmst?
  • Kletterst du erst einen Berg hinauf bevor du die Seiltechnik lernst?

 

Nein – natürlich nicht! Warum solltest du also erst beweglich sein, bevor du in die Yogastunde gehst? Abgesehen davon, profitieren ihrer Meinung nach unbewegliche Menschen viel mehr von Yoga als die beweglichen. Weil sie schneller Erfolge haben. Wenn ich bereits sehr beweglich bin, muss ich stark an Stabilität arbeiten – und das dauert.

 

Zusätzlich geht es in Yoga gar nicht um die körperliche Beweglichkeit. Du kannst 30 Min in Rückenlage liegen und dich auf den Atem

konzentrieren und das ist auch Yoga. Aber wir sehen immer die wunderschönen Bilder der kompliziertesten Verrenkungen und denken:

"da muss ich hin." Und das ist ja auch klar – wenn wir Yogalehrer mit Bildern von uns werben würden, wie wir ruhig am Boden liegen, wäre das Interesse für unsere Kurse vermutlich nicht allzu groß….

 

2. Yoga ist so religiös

Erst vor kurzem hat mir eine neue Schülerin, die zum Schnuppern in meiner Stunde war nach dem Kurs gesagt "das hat mir sehr gut gefallen und es war gar nicht religiös!" Auf meine Nachfrage, warum sie das erwartet hatte, meinte sie in ihrem letzten Yogakurs hatten sie immer etwas aus Sanskrit wiederholt und einen Guru angesungen. Mir war schnell klar in welcher Yogastunde sie war und das hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, vorher bescheid zu wissen welche Yogarichtung man auswählen sollte. Und mit welchen Erwartungen man hingehen kann.

 

Yoga ist nicht religiös. Es geht schlicht um die Vereinigung von Körper und Geist. Mit dem Ziel irgendwann Erleuchtung zu erreichen und

die kann jeder für sich definieren.

 

Das Gefühl, Yoga wäre religiös kommt auf verschiedene Wege zustande. Fakt ist: es gibt in vielen Studios einen Altar, bzw. eine indische Gottheit oder einen Guru und oft werden auch Mantren gesungen. Ich kann gut nachvollziehen, dass das abschreckend ist – keiner würde Gymnastik üben in einem Raum mit einem Altar und einem Kreuz darüber und dabei Ave Maria singen (oder ein Zeichen einer anderen Religion).

Es gibt den schönen Spruch des Yogameisters Pantabi Jois: "Yoga ist eine innere Praxis – der Rest ist Zirkus." Man könnte also das Altar, Mantren und Gottheiten als Schmuck betrachten, der für Yoga absolut nicht nötig ist, aber eine schöne Atmosphäre schafft.

 

Wenn du übst, kannst du auf jegliche Musik verzichten, du brauchst keinen Guru, keine Gottheit – gar nichts. Und es gibt genügend Yogalehrer die eine – ich nenne es einmal „schnörkellose“ Stunde unterrichten. Wichtig ist jedoch immer die Konzentration, der Fokus auf Atem und Bewegung, die Stille im Kopf – denn sonst praktizierst du nicht Yoga sondern Gymnastik. Auch in Ordnung, aber eben nicht Yoga.

 

3. Yoga ist nur Entspannung & dehnen

Ich habe früher Yoga als Bewegungs-Projekt in einer Schule unterrichtet und immer wenn ich die Schüler gefragt habe, warum sie sich dazu angemeldet haben, war die Antwort entweder „das ist am wenigsten anstrengend“ oder „wir wollen uns mal entspannen“. Die Turnlehrerin und ich haben uns dann schon immer wissend angelächelt weil sie meinen Unterricht schon kannte.

 

Yoga ist entspannend – aber ohne Anspannung keine Entspannung. Viele haben die Vorstellung, in der Yogastunde sitze ich rum, atme

ein bisschen, mach ein paar Dehnübungen und das war`s. Und ganz ehrlich – so habe ich das mit Anfang 20 auch gesehen. Aber je nach Richtung und Stunde kann man nach einer Einheit komplett durchgeschwitzt sein (und nicht nur weil man im Hot Yoga war) und Muskeln spüren, deren man sich vorher nicht bewusst war oder eher geistig gefordert sein, weil es sehr meditativ ist.

In einem Kurs für Triathleten meinte ein Schüler einmal "das war das härteste Training diese Woche" (und das war jemand der für Ironman trainiert hat…). Yoga bedeutet an körperliche und geistige Grenzen heranzukommen, sie nicht zu überschreiten aber sie Schritt für Schritt zu verschieben. „No pain – no gain“ gibt es im Yoga nicht, und deshalb glaubt man oft es ist nicht herausfordernd.

Aber brauchen wir wirklich immer Schmerzen um uns zu spüren?

 

4. Mit Yoga zum schönen Yoga-Hintern

Hier passt gleich die nächste Erwartung dazu: Yoga als Workout. Viele Schüler sind erstaunt, dass sie im nächsten Tag keinen Muskelkater im ganzen Körper haben – das ist aber auch nicht unser Ziel. Das Ziel ist auch nicht den berühmten „Yoga-Hintern“ zu bekommen, der dann in den teuren Designer Yoga-Pants gut aussieht – das geht auf anderen Wegen schneller.

 

Der Körper wird sich verändern – aber anders als du es bisher gewohnt bist. Durch regelmäßige Wiederholungen, längeres Halten oder Variationen bildet sich die Muskulatur ohne Muskelkater und ohne Überforderung – wenn du deine Grenzen anerkennst.

Ich sehe oft verkniffene Gesichter in manchen Haltungen und wenn ich dann sage, "wenn es zu viel ist geh aus der Übung raus", kommt meistens „Geht schon, da muss ich durch“. Nein. Musst du nicht. Ein gewisses Unwohlsein halten wir in manchen Übungen aus – aber „durch“ müssen wir nicht. Durch die Konzentration auf Atem und Bewegung werden Abläufe möglich, die man vorher nicht erwartet hat. Und abgesehen davon: Dehnungen, Balance und v.a. Armbalanceübungen lassen sich nicht erzwingen – die kannst du dir nur durch ständiges, geduldiges Üben erarbeiten.

 

5. Yogis sind Ökofreaks und Gesundheitsapostel

Eines stimmt, wer regelmäßig Yoga übt lebt gesünder. Aber das ist logisch: wenn du dich mehr mit deinem Körper beschäftigst,

wirst du auch besser überlegen was du ihm zuführst. Das gilt für die meisten Sportler. Die wenigsten trinken exzessiv Alkohol und stopfen sich mit Junkfood voll. Durch Yoga bekommst du ein anderes Körperbewusstsein. Das bedeutet aber nicht, dass du nur mehr vegan essen darfst, keinen Alkohol trinkst und auf Kaffee verzichtest – ich tue nichts davon. Und ich habe auch Tage an denen ich einfach

Mal eine große Pizza essen mag. Ich hülle mich auch nicht in vegane Leinentücher (sind die überhaupt vegan – ich habe den Überblick

verloren) und trinke ausschliesslich Tee. Ich versuche auch niemanden zu bekehren – im Gegenteil viele meiner Freunde, die nicht Yoga betreiben sind Vegetarier….

 

6. Du hast Stress – dann mach doch Yoga…

Zum einen ist es schön, dass Yoga mittlerweile mit Stressreduktion gleich gesetzt wird – aber es ist nicht für jeden der richtige

Weg. Für manche wäre vielleicht Qigong, Tai Chi, progressive Muskelentspannung, Klangschalenmassage,…. der bessere Weg.

 

Oft kommt ein Kunde mit der Erwartung in die Stunde "da entspann ich mich Mal",  und enttäuscht. Denn Yoga ist kein Allheilmitttel – es ist ein Werkzeug, dass man richtig einsetzen muss. Ich habe in letzter Zeit immer wieder Schüler von Kardiologen geschickt bekommen – eine hervorragende Entwicklung, denn mit Yoga kann man tatsächlich bei einigen Herzkrankheiten helfen. Die Gefahr dabei ist, dass der Kardiologe sagt, "machen Sie doch Yoga" und sich der Patient irgendeine Stunde aussucht, die gar nicht für seine Kondition geeignet ist. Dann kann es im harmlosesten Fall zu Frustration, im schlimmsten Fall zu stärkeren körperlichen Beschwerden führen.

 

Eine Tatsache, die Kunden oft auch nicht bedenken: einmal in der Woche in die Yogastunde gehen und den Rest der Zeit von Termin zu Termin zu hetzen und sich persönlich unter Druck zu setzen wird keine großen Veränderungen bringen. Das ist, als würdest du einmal in der Woche Salat essen und 6 Mal Schnitzel mit Pommes. Immer noch besser als 7 x Schnitzel aber ändern wird es nichts.

 

Zusammengefasst: Yoga hilft bei Stress – wenn du die richtige Stunde besuchst, langfristig dranbleibst und deinen Lebensstil anpasst.

 

7. Bei Yoga verletzten sich so viele Leute

Als der Bericht über die häufigen Verletzungen im Yoga in den Medien erschien ging ein Raunen durch die Menge: „Hab´s ja gleich gesagt, dass das nicht gesund ist“. Nun, es bestätigt den vorigen Punkt – natürlich gibt es eine Verletzungsgefahr, wenn man die Übungen falsch ausführt. Genauso ist es gefährlich ohne Helm Mountainbike zu fahren oder mit Flip Flops auf den Berg zu gehen. Verletzungen entstehen dann, wenn du nicht auf deinen Körper und auf deine Intuition hörst. Wenn dir der Lehrer eine Übung vorzeigt, von der

du weisst, dass sie dir nicht gut tut – dann mach sie nicht, auch wenn er 1000 Mal sagt es ist gut.

 

Eine Freundin hat mir vor kurzem erzählt, dass sie in einer Stunde war, in der die Lehrerin meinte – du musst tiefer in die Dehnung

hinein und noch nachgeholfen hat… bedenklich. Ich habe lange Zeit keinen Schulterstand praktiziert (die Kerze die ihr vielleicht noch aus dem Turnunterricht kennt) weil es ich für mich und meinen Nacken nicht gut angefühlt hat. Aber nur du bist in deinem Körper und weisst was dir gut tut.

 

Als Lehrer kann man anhand der verkniffenen Gesichter oft erkennen, ob die Schmerzgrenze des Schülers erreicht ist – aber spüren kannst nur du es. Und eine Übung die für den einen sehr einfach ist, kann für dich schon schmerzhaft sein.

 

Also: Ja, die Verletzungsgefahr ist da – aber nur wenn du deine Grenzen nich respektierst und den Mut hast danach zu handeln.

 

 Noch Mal kurz zusammengefasst:

  • Yoga ist für die Unbeweglichen
  • Yoga hat mit Religion nichts zu tun
  • Auf Anspannung folgt Entspannung
  • Yoga ist eine Lebenseinstellung – kein Workout
  • Yoga reduziert Stress – aber nicht ohne dein Zutun
  • Du bist der Guru in deinem Körper – wenn sich etwas falsch anfühlt – mach es nicht!

So, ich hoffe, ich habe die wichtigsten Missverständnisse ausgeräumt – sollte ich etwas vergessen haben, gib mir bescheid!

 

Bis bald! Alles Liebe & Namasté

Angelika