Warum Yoga dich stark macht

 Yoga ist allgegenwärtig, egal ob im Yogastudio, Fitness Center oder im Volkshochschulkurs - Entspannung ist überall verfügbar. Häufig wird Yoga als Workout verkauft - zur Gewichtsreduktion, als Yoga Bootcamp oder zur Fettverbrennung. 

 

Was kann Yoga wirklich? Macht Yoga stark? In diesem Blogbeitrag schauen wir uns einmal den Aspekt "Yoga als Krafttraining" an - auf körperlicher und mentaler Ebene.

 

Falls du den Beitrag lieber hörst: hier geht's zum Audiofile.

 

Zum heutigen Blogbeitrag hat mich eine Unterhaltung inspiriert, die ich letzte Woche im Fitness Center geführt habe. Ich weiß nicht ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber ich gehöre zu den Menschen die gerne Indoor trainieren. Hier scheiden sich ja die Geister – die einen lieben es, die anderen finden es furchtbar in abgeschlossenen Räumen Hanteln zu stemmen oder sich auf dem Laufband zu quälen. Das letztere kann ich nachvollziehen – die Freude  am Laufband habe ich auch nie gefunden.

 

Ich gehe gern und regelmäßig ins Fitness Center und absolviere unterschiedliche Trainingseinheiten: an einem Tag Krafttraining mit Gewichten, am nächsten High Intensity Training für das Herz-Kreislauf-System und ich besuche immer wieder Yogastunden, weil es auch als Lehrer wichtig ist, einfach nur Schüler zu sein. Leider war meine Lieblingslehrerin letzte Woche auf Urlaub und es gab einen Ersatz. Auf Nachfrage bei der Yogamattennachbarin, wie die Vertretung denn so sei, meinte sie: "ja eh ok. Aber halt nicht so anstrengend. Die Stunden bringen nicht viel, weil man da gar nicht ins Schwitzen kommt…."

 

Hmm – dachte ich mir, ich glaube die Stunde wird mir gefallen. Denn ganz ehrlich: Für mich ist Yoga kein Workout. Der Effekt einer Yogastunde bemisst sich für mich nicht an der Anzahl der verbrauchten Kalorien oder der Menge des strömenden Schweißes. Nur als kleines Rechenbeispiel: in einer Body Combat Stunde (also 60 Minuten High Intensity Mixed Martial Arts Training) verbrauche ich laut Sportuhr schon Mal 650 Kalorien – bei 90 Minuten Yoga sind es gerade Mal 250. Ist Yoga deshalb weniger wertvoll und weniger effektiv?

 

Für mich persönlich sind jene Yoga Stunden die besten, in denen ich gar nicht schwitze. Die eher meinen Geist als meinen Körper

fordern und die den Körper dazu zu bringen sich zu öffnen. Wenn eine Yoga Einheit zum Beispiel auf Hüftöffnung fokussiert, oder auf den Schulter-Nacken-Bereich und ich spüre, wie sich lange antrainierte Verspannungen lösen.

 

Die besten Stunden sind die, an deren Ende Stille im Kopf herrscht – weil alle Gedanken endlich zur Ruhe gekommen sind. Die Stunden, in

denen ich Bereiche meines Körpers spüre -  nicht weil sie weh tun, sondern weil sie sich gut anfühlen.

Wie sieht es bei dir aus? Was macht für dich eine perfekte Yogastunde aus?

 

Obwohl ich die ruhigen Stunden schätze und bevorzuge, hat sich mein Körper durch meine Yogapraxis stark verändert. Bizeps und Trizeps sind gewachsen (bzw. sichtbar geworden...) und ich habe Bauchmuskeln. Ist Yoga also doch ein Workout?

 

Vielleicht formuliere ich es um und bezeichne Yoga als Krafttraining.

Krafttraining wird ja auch bei Frauen immer beliebter. Ich erinnere mich, als ich mit 16 Jahren mit Krafttraining begonnen habe – damals noch mit Hanteln in einer richtigen Männer-Mucki-Bude – kennst du die? Da gab es keine Aerobic oder Yogastunden und als Mädel war ich damals eher die Ausnahme. Quasi das Maskottchen in der Anabolikarunde. Aber ich habe Krafttraining von Anfang an geliebt. Es hat mir nämlich nicht nur körperlich sondern vor allem psychisch sehr viel gegeben. Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich körperlich stark bin, dann haut mich nichts mehr um. Egal welche Dramen mein Teenager-Leben für mich bereit gehalten hat.

 

Später habe ich im Rahmen meiner Ausbildung zum psychosozialen Gesundheitstrainer gelernt, dass man diesen Effekt als Embodiment bezeichnet – näheres dazu später.

 

Heute gilt ja erfreulicherweise „Stark ist das neue sexy“ und immer mehr Frauen beginnen mit Muskeltraining.

 

Aber warum ist Muskeltraining so wichtig und gesund für unseren Körper?

 

Anti Aging:

Krafttraining dient dem Erhalt unserer Muskelmasse. Leider beginnt mit zunehmendem Alter der Körper Muskelmasse abzubauen – dies beginnt schon ab 30, verstärkt sich ab dem 40. Lebensjahr. Studien zufolge verlieren wir 8% Muskelmasse pro Lebensjahrzehnt!  Zusätzlich hilft Krafttraining der Vorbeugung von Osteoporose, dem Knochenschwund.2. 

 

Besserer Schutz:

Eine starke Muskulatur stabilisiert deine Gelenke und dient somit der Verletzungsprävention und als Stütze für den Bewegungsapparat- wichtig ist die ausgeglichene Muskulatur. Ein eindrucksvoller Bizeps alleine reicht nicht aus...

 

Höhere Fettverbrennung:

Mehr Muskeln bedeutet höherer Grundumsatz, also jene Energie, die du verbrauchst ohne dich überhaupt zu bewegen. Deswegen ist die Zahl auf der Waage meist gar nicht so relevant. Ein muskulöser Körper wiegt oft genau so viel oder auch mehr als ein eher schwammiger und wenn man nur die BMI Rechnung zugrunde legt, würden manche Athleten als adipös gelten.... Ich warne jetzt aber davor eine hohe Zahl auf der Waage als viele Muskeln oder schwere Knochen auszulegen... ;)

 

Mehr Selbstvertrauen:

Auf mentaler Ebene führt mehr Muskelkraft auch zu mehr psychischer Stabilität. Ich habe zu Beginn des Beitrages  Embodiment erwähnt. Embodiment bedeutet, dass unsere Körperhaltung unsere Psyche und umgekehrt unsere Psyche unsere Körperhaltung beeinflusst.

Ein einfaches Experiment:

Setz dich auf einen Sessel und lasse einmal den Kopf hängen, mache deinen Rücken rund, lasse die Schultern nach vorne fallen, die Mundwinkel hängen tief nach unten und vielleicht schaffst du auch eine steile Sorgenfalte auf der Stirn zu produzieren...

 

Nun versuche ein Gefühl der Zuversicht und Freude zu entwickeln.

 

Geht nicht? Hmmm.

 

Dann stell dich ein Mal aufrecht hin – man nennt das Superhero Pose: die Beine stellst du ein bisschen mehr als hüftbreit auseinander, die Brust öffnest du stolz geschwellt zum Himmel. Die Hände stemmst du in die Hüften und lässt ein breites, siegesssicheres Lächeln auf deinem Gesicht erscheinen.

 

Nun versuche Angst zu haben.

 

Geht auch nicht? Sehr gut.

 

Ein trainierter Körper ist meist ein aufrechter Körper – oder hast du schon einmal einen Yogalehrer mit krummen Rücken gesehen? Gerade

in schwierigen Zeiten, wenn alles aussichtslos erscheint, nütze deinen Körper und verfahre dem Spruch: „Fake it till you can make ist“ also, tu als wärst du glücklich, bist du es sein kannst – durch eine starke, aufrechte zuversichtliche Haltung.

 

Nun soll dieser Blogbeitrag ja kein Plädoyer für das Hanteltraining im Fitness Center sein, sondern vielmehr die Möglichkeiten zeigen,

die dir Yoga bietet um all die Vorteile die ich oben aufgezählt habe zu erzielen.

 

Yoga als Krafttraining funktioniert zum Teil. Es hängt davon ab was dein Ziel ist. Wenn es dir um schnellen, gezielten & isolierten

Muskelwachstum geht – also z.B. einen größeren Bizeps Umfang, ein breites Kreuz, das Sixpack – dann bist du mit Krafttraining und entsprechender Diät besser beraten.

 

Wenn es dir aber weniger um das äußere Erscheinungsbild, dafür mehr um den funktionellen Muskelwachstum geht – dann kann Yoga dein Weg sein. Denn hier geht es um das Zusammenspiel der einzelnen Muskeln, um Balance, Disziplin, Durchhaltevermögen und Weiterentwicklung.

 

Der Vorteil ergibt sich aus der Regelmäßigkeit der Übungen. Vielleicht kennst du das Boot – die Yogaübung, die Bauchmuskeln fordert. Du

sitzt dabei auf deinen Sitzbeinhöckern wie ein V – im Idealfall mit gestreckten Beinen, geradem Rücken und einem entspannten Lächeln im Gesicht. Aber vermutlich wird dir das nicht beim ersten, zweiten, dritten Mal gelingen. Du wirst zu Beginn die Beine vielleicht abwinkeln und nach 5 Sekunden zu zittern beginnen. Aber wenn du dran bleibst, kannst du bald die Beine ausstrecken, die Schultern locker

lassen und entspannt bis 10 zählen.

 

Das gleiche gilt für Armbalanceübungen. Vielleicht kennst du die Krähe – die Basis Armbalanceübung, bei der du dein Körpergewicht auf

deinen Händen trägst. Oder den Pfau – das Bild, das diesen Blogbeitrag begleitet. Für alle Armbalanceübungen brauchst du Kraft - nicht

nur in den Armen, sondern vor allem auch in der Mitte. Du brauchst Disziplin, Geduld und die richtige Technik.

Armbalanceübungen lassen sich nicht erzwingen, man muss sie sich erarbeiten. Deshalb ist Yoga so viel mehr als Krafttraining.

 

Ich übe manchmal im Fitness Center Armbalanceübungen, weil ich da mehr Platz habe als zu Hause. Da kommt es manchmal vor, dass die Jungs aus der Hantelecke kommen und fragen wie das geht. Gerne zeige ich es ihnen und wenn sie es dann probieren sind sie erschüttert – denn auch wenn sie die Muskeln haben um 200kg Hanteln zu stemmen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie die Kraft und

die Balance haben den eigenen Körper hoch zu bringen und zu halten.

 

Deshalb bedeutet Kraft im Yoga: Disziplin, Geduld und auch ein gewisses Maß an Humor. Denn wenn man bei der fliegenden Krähe unelegant auf die Nase fällt, ist das kein Grund es nicht noch einmal zu versuchen.

 

Ein weiterer Vorteil des Krafttrainings durch Yoga ist, dass du weniger verletzungsanfällig bist– da du mehr in deinen Körper hinein hörst. Im Krafttraining gilt: „no pain - no gain“ und erst wenn es brennt beginnen die Wiederholungen zu zählen. Im Yoga ist genau das Gegenteil der Fall. Wenn der Muskel stark zu zittern beginnt, hörst du auf. Und machst erst nach einer kurzen Erholungspause weiter. Du überschreitest keine Grenzen – du verschiebst sie nur.

 

Einen weiterer schöner Spruch aus der Bodybuilding Ecke: "Schmerz ist wenn Schwäche den Körper verlässt" – aber nicht im Yoga!

 

Der letzte Grund warum Krafttraining mit Yoga so hilfreich ist: die Bewegungen orientieren sich an dem was du im Alltag machst. Vermutlich wirst du im täglichen Leben keine Bierkiste 15 Mal gerade nach vorne hochstemmen. Aber du wirst sie aus dem Auto heben – und dabei eine Drehung durchführen - genau wie bei manchen Yogaübungen.

 

Ich hoffe ich konnte vermitteln, warum Yoga aus meiner Sicht kein Workout, aber sehr wertvoll für deinen Körper, für deine Kraft und für deinen Geist ist.

 

Im Idealfall kombinierst du: d.h. Krafttraining, Yoga und Ausdauertraining. Aber bleiben wir realistisch, die meisten Menschen haben einen Job, Familie und anderweitige Verpflichtungen und keine Zeit um sich so viel dem eigenen Körper zu widmen. Wenn es dir auch so geht, such dir etwas aus dass dir wirklich Spaß macht – sei es Yoga, Krafttraining oder nur spazieren gehen – aber bleib in Bewegung: körperlich und geistig!

 

Ich wünsche dir viel Spaß dabei!

Alles Liebe & Namasté

Angelika

 

PS: Falls du mehr über Yoga & Kraft lernen möchtest - am 16.09. halte ich in Wien einen Workshop dazu. Nähere Infos findest du hier!