Die Kunst durch Bescheidenheit reich zu werden

Was bedeutet für dich reich?
Wer ist für dich reich?
Wann hast du genug?

In Zeiten unendlicher Möglichkeiten, Überfluss und Konkurrenzdenken versuchen wir der Welt unseren Stempel aufzudrücken, etwas zu hinterlassen und zu beweisen dass wir etwas bedeuten.

 

Bist du mehr wert wenn du mehr hast?

Ein Blog Beitrag voller Fragen....

Dieser Blogbeitrag begleitet dich auf dem nächsten Schritt auf dem 8 stufigen Pfad von Patanjali. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Aparigraha – was meistens mit "nicht Anhäufen" oder "nicht Festhalten" übersetzt wird.

 

Aparigraha ist der fünfte und letzte Schritt im Bereich „Yama“ – unser Umgang mit der Welt.

Die nächsten 5 Schritte beschäftigen sich mit Niyama –  unser Umgang mit uns selbst.

 

In den letzten Blogbeiträgen haben wir bereits Ahimsa (= Gewaltlosigkeit), Satya (= Wahrhaftigkeit), Asteya ( = Begierdelosigkeit) und Brahmacharya (= Mäßigung) näher betrachtet. Vielleicht hast du dir auch schon ein paar Gedanken gemacht und Möglichkeiten entdeckt, dein Leben mehr in deinem Sinn auszurichten.

Falls dies dein erster Blogbeitrag ist– hier findest du die zugehörigen Artikel über die anderen.

 

Wenn du die anderen Beiträge gelesen hast, ist dir sicher aufgefallen, dass ich mir in meinem Alltag laufend Gedanken über die einzelnen Konzepte mache. Das Schöne ist – Konzepte der Yogaphilosophie sind nie abgeschlossen. Es ist nicht wie ein Berg, den man erklimmt, irgendwann den Gipfel erreicht und sich dann den nächsten sucht. Es ist vielmehr ein Kreislauf, den man immer wieder mit neuen Erkenntnissen, in neuen Lebenssituationen und mit neuen Sichtweisen durchläuft.

 

Aber eines ist bisher immer gleichgeblieben. Mein „Lieblings-Yama“ – wenn man das so nennen kann – ist Aparigraha, weil es auf so vielen Ebenen unseres Lebens wirkt. 

Die Bedeutung von Aparigraha

Aparigraha kann wie alle Konzepte unterschiedlich übersetzt und ausgelegt werden

  • „Nicht-Anhäufen von Dingen“ oder „Nicht-Horten“
  • „Nicht-Festhalten – zufrieden sein mit dem was ist“
  •  „Überfluss“
  • „Habsucht und Gier“

 

Es gibt einen wundervollen Spruch der zu Aparigraha passt:

 

„Wir kommen mit nichts in diese Welt

Und wir verlassen diese Welt mit nichts.

Warum glauben wir, dass wir dazwischen irgendetwas besitzen“

 

Als Mensch definieren wir uns zwangsläufig über Äußerlichkeiten und Besitz. Wenn du eine Frau bist: würdest du dich immer schminken wenn es keiner sieht? Ich ehrlichgesagt nicht...

Unser Besitz ist ein Zeichen unserer irdischen Existenz – ein Zeichen dass wir hier sind beziehungsweise später, dass wir hier waren.

Was bedeutet Reichtum für dich?

Was wir heute als Selbstverständlichkeit betrachten war früher absoluter Luxus: Wärme, Licht, eine Toilette.

Ich habe letztes Jahr eine Fortbildung bei Nischala Joy Devi, einer wunderbaren Yogameisterin absolviert, bei der es auch um Luxus und

Überfluss ging. Und sie erzählte eine Geschichte, die mich bis heute beschäftigt.  Auf einer ihrer Reisen, kam ein Junge auf sie zu und fragte: "Ist es wahr, dass ihr in eurem Land so reich seid, dass ihr in euer Wasser pinkelt?“ Für ihn völlig unverständlich – denn Wasser ist in seiner Gegend Luxus für den man meilenweit gehen muss. Vielleicht denkst du das nächste Mal daran wenn du die Klospülung ziehst – du bist so reich, du kannst in dein Wasser pinkeln.

 

Wann fühlst du dich eigentlich reich?

Was ist für dich reich?

Wer ist für dich reich?

 

Mich hat vor ein paar Tagen mein Onkel, der gerade aus Südafrika zu Besuch ist gefragt, ob ich mit meiner Tätigkeit reich werde. Klassische Frage – eine Variation von „Und davon kann man leben?“. Ich habe darauf geantwortet: "Kommt darauf an wie du reich definierst." Im monetären Sinn bin ich am Österreichischen Standard gemessen nicht reich – würde ich aber in Thailand leben, wäre ich es vermutlich. Aber ich fühle mich reich – weil ich andere Prioritäten habe, weil ich 100% selbst bestimmt bin, weil ich meine Zeit so einteile wie ich es möchte, weil ich mit netten und interessanten Menschen arbeite und weil ich meine Interessen, Visionen und Träume verfolgen kann.

 

Mir hat Besitz aber noch nie so viel bedeutet. Ich habe mir noch nie eine teure Handtasche gekauft und kann mir nicht vorstellen viel Geld

für ein Auto auszugeben. Und trotzdem habe ich es geschafft im Laufe meiner Lebenszeit viel Besitz anzuhäufen. Das habe ich gemerkt, als ich vor knapp 4 Jahren kurzfristig keine Wohnung hatte. Mein alter Mietvertrag ist ausgelaufen, die neue Wohnung war noch nicht fertig. Für 3 Monate hatte ich also kein zu Hause. Was tun? Ich habe damals beschlossen, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Ich habe alle meine Möbel sowie einen Großteil meiner Kleidung, Bücher, DVDs,….. verkauft oder verschenkt und bin mir ein paar Schachteln umgezogen. Zunächst einmal nach Hause zu meiner Mutter, die mich zum Glück aufgenommen hat. Das war das erste Mal in meinem Leben als Erwachsener dass ich kein eigenes „Zu Hause“ hatte. Also theoretisch – ich hatte ja mein Zimmer bei meiner Mutter. Aber mit Mitte 30 im früheren Kinderzimmer zu wohnen – ist wirklich eine Herausforderung an den Selbstwert.

Ich hab mich nicht arm gefühlt – aber heimatlos – ein für mich ungewohntes Gefühl. Als meine neue Wohnung dann bezugsfertig war, hatte ich die ersten 3 Monate auch keine Küche (ich habe nämlich nicht bedacht, dass man diese so lange im Voraus bestellen muss) - und das ging auch. Ich hatte auch nachher nicht das Bedürfnis eine Riesenmenge an Dingen nachzukaufen und habe mich sehr erleichtert gefühlt. Oft wenn ich Besuch bekommen habe, war die erste Frage: "Wann kommen deine restlichen Möbel?". Auf meine Antwort: "Nie – ich mag das so", gab es teils mitleidige Blicke, weil sie gedacht haben "ohje,  jetzt hat sie gekündigt und kann sich keine neuen Möbel leisten". Ich besitze übrigens auch keinen Fernseher – und habe schon mehrmals das Angebot bekommen, dass ob ich nicht einen geschenkt haben möchte. Es ist vielen Menschen unverständlich, dass man sich Dinge leisten könnte und sie trotzdem nicht haben will.

 

Ein großes Lernerlebnis, wie sehr meine Einstellung meine Bedürfnisse beeinflusst, hatte ich auch, als ich als Assistent bei einer

Yogalehrerausbildung in Spanien gearbeitet habe. Das war kurz nachdem ich mich selbständig gemacht habe. Meine Unterkunft wurde mir beschrieben als "Caravan" – also meiner Meinung nach ein Luxuswohnmobil. Mhmhm…. Als ich dort ankam und mein Mietauto neben einem kleinen VW Bus einparkte, meinte die Chefin – "wunderbar, da musst du deinen Koffer gar nicht weit tragen". Ich hab mich am Parkplatz Mal umgeschaut, und nichts verstanden. Bis sie die Hintertür des Busses aufgemacht hat, indem sich eine Matratze befand - mein zu Hause für die nächsten drei Wochen. Zwei Heizstrahler gab es, denn nachts hatte es in Spaniens Bergen rund 0 Grad und eine Taschenlampe – die Toilette, war nämlich 500 Meter durch die Pampa. Oder eben neben dem Caravan.

Nun findest du das vielleicht als ganz normale Unterbringung, weil du Camping Urlaub gewöhnt bist, aber ich habe bis dahin Urlaub in Hotels mit 5 Sternen verbracht. Wenn ich ganz verwegen war vielleicht 4 Sterne – weniger hätte ich gar nicht in Betracht gezogen. Und nun sollte ich 3 Wochen in einem Auto schlafen? Zum damaligen Zeitpunkt war das sehr weit außerhalb meiner Komfortzone. Aber ich habe mir gedacht: "es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten – du fährst sofort wieder nach Hause und sagst war nichts. Oder du nimmst es an – mit allem was kommt ohne zu raunzen". Meiner Familie habe ich Fotos geschickt, und die dachten ich mach einen Scherz. Dann meinten sie: "da bleibst du nie". Aber weißt du was – es waren die besten 3 Wochen die ich seit langem hatte. Weil ich meine Komfortzone verlassen habe. Weil ich mich ganz darauf eingelassen habe. Das einzige worauf ich aufpassen musste, war dass ich in der Nacht nicht durch den Heizstrahler abbrenne…

 

Das kannst du dir jetzt nicht vorstellen? Hier ein paar Bilder:

erster Blick auf meinen Caravan...

mein zu Hause für drei Wochen...

meine Nachbarn & Wecker...


Reichtum und Überfluss bedeutet viel zu haben – und damit auch viel verlieren zu können.

Wir haben oft Angst nicht genug zu bekommen. "Wie ist es sonst zu erklären, dass wir uns bei einem All-you-can-eat-Buffet hemmungslos

überfressen (passiert mir immer). Weil wir den Wert den wir bezahlt haben abessen wollen? Oder weil wir Angst haben, jemand anderer isst uns die richtig guten Sachen weg?

Was wäre, wenn es deine letzte Mahlzeit wäre – würdest du sie anders wahrnehmen und genießen?

 

In der Bhagavad Gita – einem Yoga Standardwerk steht:

 

„Was heute dir gehört,

gehörte gestern jemand anderem und

wird morgen wieder jemand anderem gehören“

 

Interessanterweise ist der Lebensstil der Besitzlosigkeit mittlerweile ein Lifestyle Trend den man sich erst einmal erarbeiten muss. Wo

finden wir die Balance zwischen "Besitz und Luxus genießen" und "nicht zu viel Anhäufen von Dingen". Vielleicht nennen wir es statt Besitzlosigkeit lieber Besitzbescheidenheit.

Der neue Lifestyle Trend: Bescheidenheit als bewusste Wahl statt als Lebensnotwendigkeit.

Eine kleine Aufgabe für dich:

Ich habe eine Bitte: geh heute noch durch deine Wohnung und nimm einmal ganz bewusst war, was du alles besitzt.

  • Was davon brauchst du zum Leben?
  • Was davon macht dich glücklich?
  • Was würdest du auch haben wollen wenn es nie jemand außer dir sieht und es auch keinerlei materiellen Wert hat?

 

Was sammelst du gerne? Keine Sorge – das ist unser Urinstinkt, der früher fürs Überleben wichtig war. Aber ist es deine Sammlung heute auch noch? Könntest du stattdessen vielleicht Wissen und schöne Momente sammeln?

 

Dann finde 10 Dinge, die du nicht brauchst. Verschenke sie. Denn leerer Platz erlaubt neuen Dingen und Möglichkeiten in dein Leben zu

kommen.

Was bedeutet Sicherheit für dich?

Besitzgier ist oft ein Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle.

  • Wie sicherst du dein Leben ab?
  • Wann fühlst du dich abgesichert?
  • Wann hast du genug?
  • Schafft dir dein Besitz Sicherheit oder die Angst vor Verlust manchmal schlaflose Nächte?
  • Wovor sichert dich Besitz ab?
  • Bist du mehr wert wenn du mehr hast?

 

Ich hoffe, der Beitrag dieser Woche zeigt dir wie reich du bist. Und wieviel reicher du sein kannst wenn du dir bewusst machst, dass dein

Reichtum vergänglich ist und ihn ohne Angst vor Verlust genießt so lange du ihn hast.

 

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die mich durch emails oder Kommentar zu meinen Artikeln

oder im persönlichen Gespräch an ihren Erfahrungen teilhaben lassen – ihr habt keine Vorstellung wie viel mir das bedeutet und wieviel Freude ihr mir damit macht. Deshalb: wenn auch du mich teilhaben lassen möchtest an deinen Erkenntnissen: Schreib mir: per email an a.ployer@yogicmind.at, als Kommentar oder wenn du mich persönlich kennst, erzähl´s mir!

 

Bis zum nächsten Mal

Alles Liebe, Namasté

Angelika

Karma Queen in spe